Was bleibt von (m)einer Reise? Ein vollgeschriebenes Tagebuch und nachgearbeiteter Reisebericht in einem Archiv von zis, Kopien auf der Apple-Application „Notizen“, ein Fotoalbum mit automatisch erstellten „Memories“, hier und da manche wiederaufgetauchte Kassen- und auch Spickzettel für die Interviews in einer Jackentasche. Es gibt viele Träger von Erinnerungen an die Zeit meiner Pilgerreise, vier Wochen zu Fuß entlang der Via Francigena, begonnen in Fidenza, über die Apenninen bis in die Toskana und die Stadt Siena, die in diesen ein- und abgeschlossen sind und nur wieder einmal aufgeschlagen, geöffnet oder nachgelesen diese wieder lebendig werden lassen.
Was bleibt, ist dort doch nur scheinbar endgültig abgeschlossen. Viele der erlebten Momente tauchen wie Fundstücke im Alltag, in unerwarteten Situationen, wenn man es am wenigsten erwartet, in manchen bekannten Umgebungen, manchen Blicken wieder auf und bringen bestimmte Begegnungen des Weges wieder ins Bewusstsein. Die eindrücklichsten Erfahrungen bleiben in den Fotos, den Notizen, auch dem Reisebericht unerfasst. Eher bewahrt sie ein unsichtbarer Rucksack noch bis jetzt in manchen Gesprächswendungen und Bildern. Erinnerung ist nie in ihren Trägern allein abgeschlossen, sie bleibt offen und so immer eine nur „vergangene“ Gegenwart.
Wenn Begegnungen mit langjährig Pilgernden, Kontakte mit Einheimischen, den Anwohnern, durch Pilgerunterkünfte oder vorab gefassten Interviews stets neue Perspektiven offenbarten, zeigte sich genau dieser Begriff der Erinnerung, der sich
nun auch im Rückblick auf meine eigene zis-Reise, den vielen Gesprächen und Eindrücken des Weges einstellt: die zuvor kunstgeschichtlich als „rezeptionsästhetische“ schon bekannte, doch hier auf meiner Reise erlebte Prämisse, dass jeder Einzelne das kulturelle Erbe entlang des Weges um je seine eigenen Zugangsbedingungen ergänzt. Der Ort verändert sich durch den zu ihm zurückgelegten Weg und den Menschen, mit denen dieser gemein- sam erfahren wird. Die Geschichten und letztlich die Erinnerung, die sich an den Orten als quasi „immaterielles Kulturerbe“ sammeln, aktualisieren sich so gerade in den ihn erfahrenden, beobachtenden und durchwandernden Menschen. Damit sollen auch folgende zis-Reisende ermutigt sein, die Reiseorte für sich je zum ersten Mal zu erfahren, um für die Verantwortung und Möglichkeit des eigenen Standpunkts in Form einer Reise einzutreten und die eigene Perspektive in der Erfahrung dieser Reise eingelöst mit an- deren teilen zu können.
Eine Pilgerreise bleibt immer ein angefangener Weg, das Reiseziel ist immer offen, die auch seit Wochen erwartete Ankunft nur ein Zwischenziel. Was bleibt, ist mit diesem besonderen Bezug zu dem Weg auf meiner Pilgerreise auch etwas, das mich über mein Reisethema hinaus noch im Alltag als ‚tool‘, als eine Art Werkzeug begleitet. Auf der Via Francigena war Pilgern für mich die paradoxe Erfahrung, mit einem Rucksack alle Freiheit auf dem Rücken zu tragen. Dieses Gefühl der Unabhängigkeit verwandelte sich je- doch schnell in das Gefühl größter Abhängigkeit, wenn man trotz aller empfundener Autonomie so oft seiner Umwelt in Natur und Wetterbedingungen ausgeliefert und auf Mitmenschen angewiesen war, sei es im Vertrauen auf Unterkünfte, Wegempfehlungen, aber auch in ermutigenden Gesprächen mit Pilgernden und gastfreundlichen Kontakten vor Ort. Über einen Monat lang das Ziel der letzten Tagesstrecke erneut als Ausgangspunkt am nächsten Tag anzupacken, wirft einen schließlich bis auf den kleinsten Aktionsradius des eigenen Schrittes zurück. Dass sich im eigenen Weg „schrittweise“ die Orientierung erst dann und neu einzustellen beginnt, lehrt Selbstverantwortung und ihre Grenzen. Dies ist sicherlich keine alleinige Pilgererfahrung, sondern steht universell für eine selbstorganisierte zis-Reise und hat viel mit der Einsicht in die eigene Selbstwirksamkeit zu tun, die ich allen zukünftigen Bewerber*innen wünsche. Loszulaufen als eine immer mögliche Entwurfshaltung zu erfahren, anzufangen und einen Weg zu beginnen.
Der Weg wurde für mich zu dieser immer als offen zu begreifenden Möglichkeit in der eigenen körperlichen Verortung auch gedankliche Orientierung anzustoßen, die über den Pilgerweg hin- aus bestehen bleibt. Was bleibt also von meiner Reise? Um es mit dem abschließenden Reisegruß einer Pilgerunterkunft in der Nähe von San Gimignano zu fassen – dass wir alle auf der Suche nach etwas sind, aber am Ende ist es nur der Weg.