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Die Lebensweise der Ungarndeutschen – eine Volksgruppe am Aussterben?

Yvonne Emig Hungary2009


Zu einer zis-Reise gehört eine gehörige Portion Optimismus. Mit diesem Optimismus im Gepäck zog ich los. Trotzdem begleitete mich auch immer eine Ungewissheit, die mit einer klitzekleinen Portion Angst gemischt war und von ein paar Zweifeln begleitet wurde. So war es, als ich im Zug nach Pécs saß und nicht wusste was mich erwarten würde.

Ich hatte eine Liste mit ungarndeutschen Familien, die so freundlich waren und mich eingeladen hatten, bei ihnen zu wohnen. Wer sie aber genau waren und wie sie mir bei meiner Reise weiterhelfen würden, war völlig unklar.

Aber es ging alles gut. Während meiner achtstündigen Zugreise von Budapest nach Pécs fand ich mich hilflos vor einem wild gestikulierenden Kontrolleur wieder, der meine Fahrkarte nicht akzeptieren wollte. Doch die hilfsbereiten Ungarn retteten mich. In Pécs angekommen wurde mein Optimismus dann allerdings ein wenig getrübt. Nach ewigem Suchen kam ich in meiner neuen Bleibe, dem ungarndeutschen Schülerwohnheim an und musste festellen, dass die Schüler, mit denen ich meine ersten Gespräche führen wollte alle Herbstferien hatten und gar nicht da waren.

Bei meinem ersten Rundgang durch die Stadt fragte ich mich, ob ich überhaupt am richtigen Ort sei, denn alle Leute, die ich ansprach wussten kaum bis überhaupt nichts über die Ungarndeutschen. Die Frage „wo und wer sind die Ungarndeutschen?“ blieb vorerst ungelöst.

Antworten bekam ich, als ich ein paar Tage später in die kleinere Stadt Bonyhad fuhr und von der Ungarin Eva und ihrer Familie aufgenommen wurde. Da Eva im Kulturhaus arbeitet, konnte sie mich mit zu ungarndeutschen Veranstaltungen nehmen und mich ihren ungarndeutschen Freundinnen vorstellen. Sie erzählten mir einiges über die Geschichte ihrer Vorfahren: Diese wurden vor über 200 Jahren aus Deutschland nach Ungarn gerufen, weil das Land durch Kriege entvölkert war. Sie haben ihre eigene Kultur, in der Gesang, Blasmusik und Tanz eine zentrale Rolle spielen. Diese Kultur ist in vielen großen Städten am Aussterben. Es gibt aber noch kleinere Dörfer, in denen die Bräuche erhalten geblieben sind und gelebt werden.

In solch einem Dorf verbrachte ich eine Woche. Es heißt Feked und hat 180 Einwohner,die hauptsächlich die ungarndeutsche Mundart untereinander sprechen. Sie tragen auch zu bestimmten Veranstaltungen, wie der Fekeder Kirmes – die ich live miterleben konnte – eine traditionelle Tracht.

Während ich weiter durch Südungarn reiste, immer wieder liebevoll von verschiedenen ungarndeutschen Familien aufgenommen wurde, ständig neue Bekanntschaften machte und an diversen ungarndeutschen Programmen teilnehmen durfte, wich mein anfängliches Gefühl der Ungewissheit immer wieder dem Gefühl des Ankommens und Wohlfühlens. Dies lag besonders daran, dass ich von den Familien so gut integriert wurde. Ich hatte großes Glück, denn viele meiner Gastgeber haben sich für das Ungarndeutschtum engagiert. Zum Beispiel lebte ich bei dem Leiter eines ungarndeutschen Chors und bei einer Mitarbeiterin der ungarndeutschen Selbstverwaltung. Dies machte meine Reise um einiges einfacher und lehrreicher.

Ein wichtiges Gefühl, dass mir immer wieder auf meiner Reise begegnete, kann man wohl am besten mit dem Wort Ergriffenheit beschreiben: Das Gefühl, wenn einem ganz unerwartet geholfen wird, wie bei meiner Anreise im Zug. Oder bei Eva aus dem Kulturhaus, die meinen gesamten Besuch komplett durchgeplant hatte. Sie selbst musste arbeiten, aber für sie war es selbstverständlich, dass sie ein Programm für mich organisierte: So brachte sie mich von einer ungarndeutschen Freundin zur nächsten und sorgte dafür, dass jeder mir etwas zeigte, was mir weiterhelfen konnte. In drei Tagen sah ich so viele Orte, die ich sonst in einer Woche gesehen hätte und traf so viele Menschen, dass ich mich am Ende des Tages schon kaum mehr erinnern konnte. Als Eva erfuhr, dass ich noch nie richtiges ungarisches Gulasch gegessen hatte, rief sie sofort ihre Mutter und organisierte ein traditionelles Familienessen für mich. Ein anderes Erlebnis, dass mich sehr bewegte, enstand durch meinen Aufenthalt bei Eszter. Sie gab mir ihr Bett und fragte mich, ob sie in „meinem“ Zimmer auf dem Boden schlafen dürfe.

Wenn ich heute noch einmal in meinem Tagebuch lese, fällt mir auf, dass ich mich jetzt in vielen Situationen ganz anders verhalten würde und gelassener wäre. Was vor einem Jahr noch eine scheinbar unüberwindbare Herausforderung war, erscheint mir heute viel einfacher. Danke an alle Freunde und Förderer und meinen Betreuer, ihr habt mir die Möglichkeit gegeben zu wachsen!


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