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Momentaufnahme eines Drahtseilaktes - Französisch und Frankoprovenzalisch im Aostatal

Christiane Maria Walde - Italien2003


Dieses unsichere Suchen, tausend Fragen an die Welt und das ratlose Dasitzen und Nicht-so-richtig-wissen. So ist sie, diese verrückte Zeit zwischen ungefähr 16 und 20 Jahren, in der einem die Antworten und wohlgemeinten Ratschläge, die man von anderen bekommt, nicht ausreichen oder nicht so ganz weiterhelfen. Selbst ausprobieren. Das wär's. Etwas ganz allein auf die Beine stellen.

Ich habe es gewagt. Mit zis. Neun Wochen war ich unterwegs, um ein mir unbekanntes Territorium und seine Besonderheiten zu erforschen: Das Aostatal, im nordwestlichen Zipfel Italiens, am Fuße des Mont Blanc und seine offiziell anerkannte französischsprachige Minderheit.

Das Aostatal ist eine autonome Region, welche sich durch eine enorme sprachliche Vielfalt von mehr als fünf Sprachen und Dialekte auszeichnet. Französisch und Italienisch sind die beiden offiziell anerkannten Sprachen in diesem Tal, wobei fast alle Aostataler Italienisch und ca. 80% Französisch verstehen. Umso erstaunlicher, dass nur 1% der Bevölkerung die französische Sprache als ständige Kommunikationssprache oder gar Muttersprache angeben. Eine schockierende Tatsache. Auch hinsichtlich der fast 60-jährigen Autonomie, mit den dazugehörenden wirtschaftlichen und politischen Sonderrechten, die der Region gerade aufgrund ihrer sprachlichen Differenz zugesprochen werden. Das Resultat ist ein komplexes Geflecht aus ereignisreicher Geschichte, langer Tradition und den damit verbundenen aktuellen Problemen wie beispielsweise der Ablehnung der französischen Sprache als Schulpflichtfach, Indentifizierungsschwierigkeiten mit dem Französischen und starken politischen Diskussionen. Und mittendrin in diesem Gefecht steht der frankoprovenzalische Dialekt, auch Patois genannt, den beinahe die Hälfte der aostataler Bevölkerung täglich zu Hause spricht und mit dem sie sich stark verbunden fühlt. Aber ohne eine ausreichende Förderung, wie sie das Französische schon ängst genießt, droht dieser Dialekt nach und nach verloren zu gehen.

"Vielleicht gibt es hier in hundert Jahren niemanden mehr." - "Ja sicher ist sie bedroht. Für mich ist eine Sprache immer wie eine Person. Sie nährt sich vom Alltag. Denn man darf nicht vergessen, dass eine Sprache nicht nur ein Zusammenspiel von Wörtern ist. Dahinter stecken Personen." - "Ich wünsche mir, dass die Eltern ihren Kindern das Bewusstsein für das Patois vermitteln." - "Man muss die Mittel finden, man muss die Motivation finden. Das ist schwierig, aber es geht." - "Es ist nicht einfach an dem Bewusstsein zu arbeiten. Es ist leichter etwas aufzuzwingen." - "Es ist nicht so, dass die Italiener einen kaputt machen, sondern die Leute von hier. Sie schlagen sich selber." - "Es ist die gesamte Bevölkerung, die die Zukunft in der Hand hat." - "Kühe. (lacht) Man braucht Kühe zum Erhalt des Patois." - "Man soll sich nicht der äußeren Welt verschließen, aber man soll Wert legen auf seine eigene."

Kinder, Lehrer, Eltern, Politiker, Schriftsteller, Bauern, Sänger, Pfarrer, Jugendliche, Juristen, Engagierte, Resignierte, sie alle gaben mir Antworten auf meine vielen Fragen. Und dennoch gab es eine bestimmte Frage, die mich immer wieder beschäftigt hat: Warum? Warum, für eine Sprache oder einen Dialekt, deren Schicksal schon entschieden zu sein scheint, kämpfen, statt die sprachliche Einheit und ihre Vorzüge anzunehmen? Raimondo Martinez, ein engagierter Aostataler, überzeugte mich diesbezüglich mit einem Gedanken:

Vielleicht"Es ist wie dein Leben. Wenn dein Leben bedroht ist, was machst du dann? Sagst du dir. ,Ich bin im Begriff mein Leben zu verlieren. Gut, ich lasse es, ich lasse mich gehen'. Nein, du musst reagieren!"

Mein Interesse an der Minderheitenproblematik kommt nicht von Ungefähr. Als Sorbin - die Sorben sind eine slawische Minderheit in der Lausitz im Osten Deutschlands - habe ich ganz gezielt die Konfrontation mit den Schwierigkeiten dieser anderen Minderheit gesucht, um für mich bestimmte grundsätzliche Fragen, die ich als Sorbin hatte, zu beantworten.

Ich bin leicht konfus zurückgekehrt, mit zahlreichen Meinungen, neuen Fragen und einem Tagebuch voller Erlebnisse im Gepäck. Ob das interkulturelle Kartoffellesen, der französischsprechende Wasserfall, das unerbittliche Durchnässt-Sein, die unbekannten Gaumenfreuden, der lautstark knurrende Magen, die endlos langen Fahrradtouren, das brennende Gespanntsein, die Gedultsfadenreissproben oder die herzlichen Begegnungen mit den Aostatalern - ich denke an alles mit einem Lächeln zurück. Diese zis-Reise und auch die Ausarbeitung danach, haben mich ein Stück weiter gebracht. Meinen Platz, den habe ich noch nicht gefunden. Aber ich werde weiter auf Reise gehen, auf "zis-Reise", weil sie sichtbar macht, was sonst unbeachtet bleibt.


Schlagworte

Minderheiten Sprache

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