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L'âme des tissus - Die Kultur der provenzalischen Stoffe

Astrid Schwaner - Frankreich2008


Kräftiges Gelb, leuchtendes Rot, Ranken und blaue Streublumen blühen auf Baumwolltüchern zwischen ornamentalen Mustern. In den Süden Frankreichs bin ich gereist, um den provenzalischen Stoffen nachzuspüren.

Einst von Seefahren aus Indien eingeführte Stoffballen mit fremdländischen Blumenmustern verbanden provenzalische Stoffdrucker vor Jahrhunderten mit den leuchtenden Farben und Motiven ihrer Heimat. Entstanden sind prächtige und alltagstaugliche Tücher, die provenzalischen Stoffe. Sie wurden Teil der regionalen Tradition, verwendet bei Trachten und Einrichtungsgegenständen, und überdauerten die Zeit. Bis heute sind sie in jedem noch so kleinen Dorf präsent – überschattet durch kitschig grelle Touristenprodukte und den Überdruss manch eines Provenzalen.

Die Menschen, die mir begegnet sind, haben mir von ihrer Einstellung zu den bunten Stoffen erzählt. Die einen schätzen sie als Teil ihrer Identität oder bewahren die Herstellung qualitätsvoller Stoffe in traditionsreichen Unternehmen, andere leben vom Verkauf der billigen Touristenwaren, wieder andere bringen die Farben Südfrankreichs mit in ihre Heimat mit, um sich an einen schönen Urlaub zu erinnern. Der Kontakt zu den Provenzalen war die einprägsamste Erfahrung, die die zis-Reise mit sich gebracht hat. Neben den reichlichen Informationen, die ich über mein Reisethema gefunden habe, habe ich durch meine französischen Gastgeber und die Menschen, denen ich in Läden, auf Märkten, auf der Straße begegnet bin, viel über die südfranzösische Lebensart kennen gelernt – auch dass zum Beispiel alles etwas langsamer geht und dass mittags die Straßen wie leer gefegt sind. Man isst Chips in Frankreich vor dem Essen und um ein faszinierendes Interview zu führen, muss man schon mal tagelang telefonieren und immer wieder auf Türschwellen stehen und an sein Anliegen erinnern.

Dafür wurde mir aber auch bedingungslos geholfen, wenn ich in einer Notlage war: An einem Sonntagabend um halb sechs machte ich mich zu Fuß auf den Weg zu einem Interview in einem einen Kilometer entfernten Landhaus, was ja keine Entfernung ist – dachte ich. Es war um die Zeit noch erstaunlich heiß und ich war innerhalb kürzester Zeit ziemlich verschwitzt. Die Straßen haben sich unglaublich hingezogen und zu meiner Überraschung war ich nach einer halben Stunde noch lange nicht angekommen. Was soll’s, habe ich mir gedacht und meinen Marsch links am Straßenrand fortgesetzt. Ich muss ein seltsames Bild abgegeben haben.

BegegnungPlötzlich hielt vor mir ein kleiner weißer Lieferwagen. Ich war sofort in Alarmbereitschaft und habe mich dem geöffneten Fenster mit einiger Vorsicht genähert. Der Fahrer dachte, ich hätte eine Panne gehabt. Als ich ihm meinen Fall erklärte, bot er mir an, das Landhaus gemeinsam zu suchen. Ich habe einen Moment überlegt, welche Alternativen ich hatte. Obwohl mir sein großer weißer Hund im Lieferraum nicht behagte, bin ich aufgrund des freundlichen Wesens des Fahrers eingestiegen. Er hieß Alban. Ich muss sagen, Alban hat der Himmel geschickt! Er hat mit meiner Interviewpartnerin telefoniert und mehrfach gewendet und mich durch die Gegend gefahren, bis wir das Landhaus gefunden haben.

Er war absolut zuverlässig, hilfsbereit und außerdem schwer beeindruckt von meinem Mut, allein zu reisen. Erst durch die Reaktionen auf meine Reise durch die Provence ist mir bewusst geworden: Ich habe wirklich ein Abenteuer erlebt. Und richtig großes zis-Glück gehabt. Ich kann es immer noch nicht glauben, dass dieses viel zitierte Phänomen mir wirklich zu Teil geworden ist. Für mich war die zis-Reise ein Sprung nach vorne, wie ich ihn vorher und nachher nicht gemacht habe. Nach Frankreich zu fahren und ein bisschen über Stoffproduktion zu forschen scheint nicht sonderlich kompliziert oder gefährlich – aber es war meine erste Reise, die ich alleine ins Ausland unternommen habe. Und dann direkt fünf Wochen! Nur mit dem Rucksack! Mit einer fremden Sprache und lauter Unterkünften bei Fremden!

Jetzt muss ich lächeln, wenn ich lese, was ich vor einem Jahr während meiner Reise notiert habe – ich bin damals in fast kindlicher Aufregung in ein Abenteuer gestürzt, unsicher, welchen Menschen ich vertrauen kann, in der Überzeugung, schier unüberwindlichen Problemen zu begegnen und sicher irgendwann man Verzweiflungsmomente zu haben. Im Gegenteil – ich habe nur gute Erfahrungen gemacht. Mut und Selbstvertrauen habe ich von meiner zis-Reise mitgenommen, das Gefühl, alles möglich machen zu können mit der Hilfe der herzlichen Menschen, die mir auf meiner Reise begegnet sind, und kitzelndes Fernweh. Diese Erinnerungen verblassen mit der Zeit, werden vom Uni-Stress und dem Alltag aufgesogen. Ein Jahr nach meiner zis-Reise weiß ich: Es wird Zeit, wieder aufzubrechen und neue Abenteuerlust zu entfachen, um den Geschmack dieser zis-Reise nie zu vergessen.


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