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La banlieue française - Die französischen Vorstädte

Jens Denissen - Frankreich2007


Wie oft musste ich während der letzten zwölf Monate an all meine Erlebnisse auf dieser von vielen Leuten als verrücktes Unternehmen abgestempelte Reise zurückdenken, wie oft habe ich meinen durchlebten Raubüberfall geschildert, wie oft versucht, den Leuten klar zu machen - und das vor allem in Frankreich selbst - dass die Einwohner der banlieue auch „nur“ Menschen sind; dass es in gewisser Hinsicht angenehmer ist, in Clichy spazieren zu gehen als auf den Champs-Elysées?

Die banlieue war seit den gewalttätigen Ausschreitungen zu einem französischen Mythos des Selbstscheiterns geworden. Trotz des sozialen Brennpunkts, den die banlieue ausmacht, erfährt der Begriff inzwischen etwas fast Erhabenes, so sehr haben sich alle um das Sorgenkind der französischen Nation Gedanken gemacht – doch gehandelt wurde letztendlich nur wenig. Dies war vor einem Jahr, zwei Jahre nach den Ausschreitungen der Fall, so wie es auch heute noch von brisanter Aktualität ist. Jugendkriminalität, Arbeitslosigkeit, Drogenhandel und Ausweglosigkeit grassieren weiter in den Vierteln vor Frankreichs alten Stadttoren. Doch was mich faszinierte waren die wahren Hintergründe und Ursachen hinter den Fernsehbildern brennender Autos, fliegender Steine und ausgebrannter Schulen und Moscheen. Einmal hinabtauchen in die soziale Komplexität des vorstädtischen Alltagslebens, das sich fernab von „Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit“ durch ein katastrophales Transportwesen, 16-stöckige Hochhäuser ohne Aufzug, Ratten an der Bushaltestelle und in sowohl quantitativ als auch qualitativ exzessiv durchgeführten Polizeikontrollen auszeichnet. Sicherlich schockierten mich diese äußeren und materiellen Missstände anfangs sehr und ich versuchte, das menschliche Elend daran festzumachen – denn ich selbst wurde Opfer einer solchen Polizeikontrolle, die mit gleichberechtigter Behandlung und Respekt unter Bürgern nichts mehr zu tun hatte und durch die Anwesenheit riesiger Gummipatronengeschosse in den Armen der CRS (eine Eliteschutzeinheit) eher einem Strafverhör ähnelte.

Doch bald erkannte und erfuhr auch ich die menschliche Harmonie, die letztendlich in diesen durch eine unsichtbare Mauer von den umliegenden Vierteln abgeschlossene Welt herrscht. Wie ein kleines Dorf grüßen sich hier die Menschen, spielen Kinder auf den Wiesen und plaudern die Alten im Café an der Straßenecke. Umso schöner war daher das Gefühl, gegen Ende meiner Reise Teil dieser Welt geworden zu sein, in deren Straßen mir die Kinder lächelnd in die Arme liefen und ich mich als weißer Westeuropäer fast frei bewegen konnte.

Les  Siedlung

Doch meine Reise begann mit einem Aufenthalt an der Ardèche im Süden Frankreichs, wo ich als Betreuer einer vom Centre Social in Clichy-sous-Bois organisierten Ferienfahrt das Glück erfahren durfte, mich mit Erziehern, Sozialpädagogen und freiwilligen jugendlichen Betreuern um eine ca. 60-köpfige Gruppe von Kindern im Alter von fünf bis 15 Jahren zu kümmern. Wandern, Rudern, Segeln, Fahrradtouren, Zelten und Lagerfeuer am Seeufer waren zwar geographisch entfernt von grauen Türmen und verdreckten Straßen, dennoch befand ich mich sozio-kulturell und menschlich auf einmal inmitten meines Reisethemas. Die Arbeit mit den Kindern – wenn auch manchmal nervenaufreibend – bat mir nicht nur meine eigenen Grenzen auf, sondern ließ mich nach einigen Tagen Teil einer mir bis dahin völlig fremden Gruppe werden. Das Phänomen, das ich als einziger blauäugiger und blonder Weißer für die Kinder darstellte, hat sich letztendlich als bestes Integrationsmittel herausgestellt: unis dans la diversité. Hier in der wilden Natur strahlten all diese jungen Gesichter, blühten praktisch auf in einer für sie unermesslichen Freiheit. Schon den Jüngsten sah man die Erleichterung an, einmal zwei Wochen dem Elternhaus fern sein zu können. Und letztendlich war es vor allem diese oben angesprochene geographische Diskrepanz, die mir erlaubte, mich in dieses komplizierte Umfeld einzuleben, um es im zweiten Teil meiner Reise vor Ort konkreter verstehen zu können. In Clichy-sous-Bois / Montfermeil führte ich meine Reportage durch Gespräche mit Rappern, dem Bürgermeister, einem Pferdestallbesitzer und vielen Jugendlichen und Sozialarbeitern weiter. Doch als mir eines morgens die kleine Mélanie an der Hand ihrer alkoholkranken Mutter entgegenkam und ihr ernüchternder Blick mich traf, wurde mir nach zwei Wochen Sonne und Natur schlagartig die Schattenseite der harten Realität klar und brachte mich auf den Boden der Tatsachen zurück.

Noch heute stehe ich vor dem Rätsel „banlieue“. Doch diese Reise und die anschließende Auseinandersetzung mit dem Thema haben mir Türen geöffnet, deren Größe ich im Voraus niemals hätte einschätzen können und ich danke zis unendlich dafür. Oft werde ich schräg belächelt, wenn ich von der banlieue erzähle, doch ebenso oft stellt sich die gesamte Reise als eine immense Bereicherung heraus und hat sich schon jetzt als eine der schönsten Erfahrungen, die ich je in Frankreich machen konnte, in meine Erinnerungen eingraviert.


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Migration

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