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Im Schatten des Tigers- Armut im irischen Aufschwung

Filip Bubenheimer - Irland2005


Filip Bubenheimer wendet sich auf seiner Irlandreise den Armen und Obdachlosen zu, die beim Wirtschaftsaufschwung des viel gewürdigten „Keltischen Tigers“ vergessen wurden. Mit großer Sensibilität und ehrlichem Interesse begegnet er den Betroffenen und ihren Helfern.

Kaum in Dublin angekommen, um fünf Uhr morgens, in einem Häusermeer aus rotem Backstein, eingehüllt in eine graue Wolkendecke, stellte sich schon der erste Störenfried in meinen Weg. Voll Tatendurst, voll Wissensdrang und großer Pläne war ich aufgebrochen, einen Monat lang der „Armut im irischen Aufschwung“ nachzuspüren – und nun sowas: Ein Dubliner Busfahrer weigerte sich beharrlich, mich den Fahrschein mit einer 100-Euro-Note bezahlen zu lassen – und ließ mich stehen.

Dass es sich lohnt, ein Reisestipendium nicht nur in großen Scheinen mitzunehmen, war die erste kleine Erkenntnis meiner zis-Reise im Sommer 2005. Per Bus und Anhalter führte sie mich quer durch Irland, in Obdachlosenheime und heruntergekommene Vorstädte, an den Rand einer Gesellschaft, die sich mitten im Wirtschaftswunder befand und der ungekannter Wohlstand zuteil wurde – ein Wohlstand aber, an dem längst nicht alle teilhaben konnten. Stattdessen ließ der Glanz des neuen Reichtums die soziale Ausgrenzung umso deutlicher zu Tage treten.

Diesem Widerspruch wollte ich auf die Spur gehen. Mit Zahlen, Daten, Fakten wähnte ich mich gut vorbereitet. Doch auf meiner Reise stieß ich nicht auf Statistiker, sondern auf Schicksale. Der alte John O’Leary etwa, der sich seinen Lebensunterhalt verdiente, indem er den ganzen Tag auf einer Dubliner Einkaufsstraße saß und ein Werbeschild in die Luft hielt. Tony, der bei der Armee anfing zu trinken, und nicht mehr davon ließ, bis er auf der Straße landete. Vincent, Anfang 20, heroinabhängig, dem der süße Ersatzstoff schier die Zähne verfaulen ließ.

Die Konfrontation mit den Einzelschicksalen war eine menschliche und eine intellektuelle Herausforderung: Jeden Tag begegnete mir ein anderer Mensch, dessen Situation mit Statistik und Theorien nicht zu fassen war und die sich jeder Generalisierung verweigerte. Diese Begegnungen waren verwirrend und widersprüchlich, und weil es so schwer war sie in Einklang zu bringen mit dem großen Bild der Zusammenhänge, wurde auch das Verfassen des Reiseberichts noch zu einer Anstrengung.

Die inneren Bilder meiner Reise, von den Menschen, den Städten und den Wegen sind heute immer noch farbig und lebendig. Ich habe den Eindruck, während der Reise, ohne vom Firlefanz des Alltags abgelenkt zu sein, von den strengen Bedingungen und dem knappen Budget ganz auf das Begegnen und das Entdecken zurückgeworfen, alles schärfer, genauer, vehementer wahrgenommen zu haben als sonst.

Armut  irische  Wohlstand,

Was wäre mir mit mehr Geld in der Tasche nicht alles erspart, was wäre mir nicht alles vorenthalten worden: weite Strecken zu Fuß, Blasen an den Fersen, viel Fragen und Bitten darum, mal das Telefon benutzen zu dürfen oder ein paar Kilometer mitgenommen zu werden. Doch auch die mütterlichen Blicke mildtätiger Sekretärinnen, die Freude, in einem Viehlaster durch die Felder zu fahren und viele fröhliche, traurige, tiefsinnige und leidenschaftliche Gespräche mit freundlichen Fremden. Angesichts meines Reisethemas und der wirklich armen Menschen, denen ich begegnete, kam mir die künstliche Mittellosigkeit des zis-Stipendiaten allerdings oft auch etwas lächerlich vor, beinahe obszön.

Von meiner Reise zurückgekehrt, war die Lust an der Freiheit gewachsen, und ich stand dem Leben mit mehr Vertrauen gegenüber als vorher. Dass ich die Hürden der Reise übersprungen hatte, festigte mein Vertrauen in mich selbst. Dass mir Menschen überall so große Hilfsbereitschaft zukommen ließen, stärkte mein Vertrauen in die anderen. Dass, kurz gesagt, irgendwie immer alles geht, ist eine Gewissheit, die mir diese Reise geradezu eingeimpft hat.

Armut und Obdachlosigkeit haben mich seit meiner Reise nach Irland weiter beschäftigt. Nach dem Abitur durfte ich ein Jahr lang als Freiwilliger in einem französischen Obdachlosenheim arbeiten. Dieses Jahr erscheint mir heute wie eine Fortsetzung meiner zis-Reise: Die Auseinandersetzung mit dem Thema Armut ließ sich vertiefen, die Begegnungen mit den Betroffenen vermehren. Deshalb muss ich heute auch über vieles den Kopf schütteln, was ich in meinem Bericht über die „Armut im irischen Aufschwung“ schrieb. Zu unscharf kommen mir meine Betrachtungen vor, zu undifferenziert meine Kommentare, und manche Schlüsse, die ich aus den Beobachtungen zog, scheinen mir sehr gewagt.

Das Jubiläums-Buch von zis trägt den Titel „Reiseziel Erfahrung.“ Auf meine Reise passt das sicher nicht. Als ich aufbrach, wollte ich vor allem so viel wie möglich über mein Thema herausfinden und einen dicken Bericht schreiben. Erfahrung, ob ich nun wollte oder nicht, erhielt ich glücklicher Weise in rauen Mengen mit dazu – ganz nebenbei. Es kommt mir so vor, als dürfe man, um fündig zu werden, die Erfahrung gar nicht suchen. 


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