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Eine Reise zu den eigenen Wurzeln

Valbone Merturi - Kosovo2011


Lebensgeschichten von Frauen im Kosovo. Valbone Merturi reist 2011 mit einem zis-Stipendium in das Land, das sie im Alter von acht Jahren verlassen musste: in den Kosovo. Sie befragt dort Frauen auf dem Lande und in den Städten, über ihren Alltag und ihre Lebensentwürfe.

Der Verstand schreit bei jedem „unkontrolliert“ schönen Augenblick auf und zerstört alles, mit einer Kraft, die unbeschreiblich tiefe Wunden hinterlassen kann. Die wirren Gedanken. Die endlosen Sorgen. Wir lassen uns täglich davon leiten. Unser Leben wird unbewusst davon bestimmt. Bestimmt von dem, was andere über uns denken und sagen könnten. Doch dann verfallen wir einem kurzen Moment und vergessen dieses endlose Nachdenken. Wir vergessen alles um uns herum. Wir sind losgelöst von jeglicher Angst. Losgelöst von dieser Welt. Wir sind frei. Dieser Moment kann sich in einer Sekunde abspielen. Eine Sekunde, die uns wie Stunden, ja sogar wie Jahre vorkommt. Eine Sekunde, die tief im Herzen eingebrannt ist und die nur uns gehört. Uns ganz allein. Manchmal prägt sich diese Sekunde in unser Leben ein und manchmal bereuen wir sie sogar. Oft sind es tausend nacheinander folgende Sekunden, bei denen wir merken, dass die Welt uns offen steht und dass wir sie mit allen Sinnen erfassen können.

Diese Offenheit hat mich während meiner zis-Reise im Kosovo im Juli/ August 2011 täglich begleitet. Sie war meine Tür zu mehr Erkenntnis. Ich begegnete Menschen, die mir ihre Lebensgeschichten anvertrauten. Ich erlebte Situationen, bei denen ich Mut und Stärke entwickeln konnte. Mir wurde vor Augen geführt, dass es einer besonderen Wertschätzung kurzer Momente im Leben bedarf, um nicht im Sumpf der alltäglichen Probleme zu ertrinken. Diese besondere Wahrnehmung hat meine Tage im Kosovo bereichert.

Während meiner Reise mit der Überschrift: „Frauen im Kosovo – zwischen Zielen und Realität“ bin ich Frauen begegnet, die mir lächelnd erzählt haben, wie grausam und schwierig ihr Alltagsleben sein kann. Die Betonung liegt auf „lächelnd“, denn sie haben gelernt, ihr Leben zu schätzen und jeden Tag auszuleben, als wäre es ihr letzter unabhängig davon, welche Lasten der Tag mit sich bringt.
Den jungen Mädchen bleibt verwehrt, die Welt kennen zu lernen und trotzdem geben sie die Hoffnung nicht auf, endlich von ihrem Recht auf Freiheit Gebrauch zu machen.

Doch noch werden sie auf religiöse und kulturelle Werte nach dem Motto eingeschränkt: Du erfüllst die Voraussetzung meiner Familientradition, dann bist Du der richtige Mensch für mich. Doch das Wort „Mensch“ passt in dem Zusammenhang nicht, denn hier zählt im Grunde nicht der Mensch und dessen Charaktereigenschaften, sondern hier wird der Mensch auf Religion, Nationalität und gesellschaftlichem Stand reduziert. Dabei wird ganz vergessen, dass wir alle die gleiche Herkunft haben. Wir sind alle Menschen! Klingt das banal? Nein. Es ist die Wahrheit. Eine Wahrheit, die endlich in unseren Köpfen ankommen muss. Wir nehmen die Welt nicht wahr, wie sie ist, sondern sehen sie durch die Brille der gesellschaftlichen Rolle.

„Zusammensein“ oder als Paar „Zusammenleben“ kennt in Kosovo kein Pardon. Nur eine offizielle Hochzeit legitimiert das Zusammenleben. Die Hochzeit besiegelt nicht nur den standesamtlichen oder religiösen Status, sondern bedeutet eine familiäre Verpflichtung. Sobald es in der Ehe kriselt, verfällt man einem Teufelskreis. Eine Scheidung ist eine große „Schande“ und ein „Gesichtsverlust“. Dies bedeutet, dass eine Scheidung die Familien der beiden Ehepartner in Streitigkeiten verwickelt. Um diesen Streitigkeiten zu entkommen, entscheiden sich die meisten Frauen, sich den Feindlichkeiten ihres Partners auszusetzen.

Bei jedem Gespräch mit den jungen und auch erwachsenen Frauen und bei jeder Erzählung stellte ich mir vor, Valbone, dies hätte auch deine Lebensgeschichte sein können. Denn eine entscheidende Gemeinsamkeit habe ich mit diesen Frauen. Genauso wie sie wurde ich auch im Kosovo geboren. Nur hatte ich das „Glück“, dass meine Eltern während des Kosovokrieges 1999 nach Deutschland flüchteten und ich nun hier meine Lebensgeschichte habe. Trotzdem denke ich bei jedem neuen Abschnitt in meinem Leben darüber nach, wie dieser wohl im Kosovo verlaufen wäre, wenn es diesen Krieg niemals gegeben hätte.

Um diesen Fragestellungen auf den Grund zu gehen, entschied ich mich für diese Reise und für dieses Thema. Mit dem Kosovo verbinde ich wunderschöne Kindheitserinnerungen. Erinnerungen, mit denen ich mein Leben dort bis vor kurzem verbunden habe. Doch heute, ein Jahr nach meiner Bildungsreise, denke ich anderes. Ich bin froh, gespürt zu haben, dass die Freiheit keine Selbstverständlichkeit ist, sondern dass es immer Menschen bedarf, die mutig genug sind, um dafür sogar ihr Leben zu geben. Mein Respekt bekommt jeder einzelne und vor allem jede einzelne von mir zugesprochen.

Ich bedanke mich recht herzlich bei der zis–Stiftung. Vielen lieben Dank auch an die Menschen, welche die Intention meiner Reise verstanden und gewürdigt haben. Meinen Text habe ich mit der Überschrift „Momente fürs Leben“ geschmückt, um Ihnen zu verdeutlichen, dass es diese kurzen Momente sind, die mein Leben, Ihr Leben und vor allem das Leben der Menschen im Kosovo so einzigartig und besonders machen.


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