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Die Rolle der Frau im postsozialistischen Ungarn

Sara Reith - Ungarn2005


Sara Reith reist mit Fahrrad, Zelt, Karte und ersten Kontaktadressen nach Ungarn. Trotz Widrigkeiten – schlechte Wetterverhältnisse, Erkältung, anfängliche Verständigungsschwierigkeiten und Stechmückenplagen – behält sie guten Mut, lässt sie sich nicht von ihrem Thema abbringen und befragt Frauen und Männer an vielen Stationen ihrer zis-Reise.

Jetzt sitze ich also alleine in einem kleinen Zimmer in diesem Plattenbau. Ein Studentenwohnheim aus den siebziger Jahren, mit Duschen auf dem Gang, der Regen prasselt gegen die Scheiben und der Wind pfeift um das neunstöckige Gebäude. Die anderen Zimmer auf dem langen Gang sind verwaist, ihre Bewohner sind in den wohlverdienten Semesterferien. Nur ich, das komische Mädchen aus Deutschland, das kein Ungarisch spricht, sitzt in ihrem Zimmer im zweiten Stock und wartet. Wartet auf besseres Wetter, wartet auf Kontakte, wartet auf spannende Ereignisse.

Denn viel ist bisher nicht passiert – jedenfalls nichts, was mich der Rolle der Frau im Sozialismus und Postsozialismus annähern würde. Bevor ich nach Ungarn aufbrach, mit dem Empfehlungsbrief von zis in der Klarsichthülle, sozialistischen Arbeiterliedern im Kopf und gepackten Taschen auf dem Fahrrad, erschien mir mein Thema dankbar – Frauen gibt es schließlich überall, und eine persönliche Geschichte haben sie naturgemäß auch zu erzählen.

Nun, nachdem ich die Donau von Wien bis Budapest entlang geradelt bin, habe ich zwar wundervolle Landschaften durquert, interessante Menschen und drei ganz unterschiedliche Hauptstädte kennen gelernt, aber ob meiner rudimentären Kenntnisse der ungarischen Sprache, die sich in Begrüßungsfloskeln erschöpfen, noch kein einziges wirkliches Gespräch über mein Anliegen führen können. Beschäftigt war ich trotzdem: Mit Fahrradpannen, mit neugierigen slowenischen Kindern, mit der klischeehaft blauen Donau, mit drei verschiedenen Ländern und Sprachen auf dem Weg nach Budapest, mit der schmackhaften Küche Ungarns, mit wun-derbaren Thermalquellen, aber auch mit dem Gefühl des Alleinseins.

Marktszene   Kochen

Denn die wunderbare Freiheit, die sich an schönen Sommermorgen und lauen Abenden verführerisch über Straße und Landschaft ausbreitet, wird während heftiger Gewitter und Tagen voller Enttäuschung zu einem Gefängnis im eigenen Ich. Warten verbessert die Situation nicht, das ist die Erkenntnis, die ich bald gewann. Das Reisen alleine zwingt mich dazu, auch alleine Entscheidungen zu treffen – und ich merke, dass nur ich alleine für meine Reise verantwortlich bin. Ohne Chance, einen Misserfolg auf andere zu schieben.

Also besuche ich Jugendzentren, mache ein Praktikum in der Stadtverwaltung eines kleinen Ortes, gehe auf ein alternatives Festival und zelte im Garten einer alten Dame, die selbst in ihrem Putzkittel eine geheimnisvolle Würde und Gelassenheit ausstrahlt. Wie von selbst geht die Arbeit an meinem Projekt voran – jetzt, wo ich die Furcht ein wenig abgelegt habe, den Kriterien von zis nicht genügen zu können. Übersetzer finden sich, Frauen, die Englisch oder gar Deutsch sprechen, und Begegnungen ergeben sich, die auch ohne Worte einen tiefen Einblick in das Leben ungarischer Frauen zulassen.

In vier Wochen konnte ich ein wunderbares Land kennen lernen, dessen Faszination weit über den Plattensee und die Nationalgerichte Langos und Gulasch hinausreicht. Ein Land voller Wiedersprüche, mit einem unverhohlenen Hass auf die einstigen russischen Besetzer, während gleichzeitig sowjetische Statuen ihren Ehrenplatz in der Innenstadt behalten dürfen.

Nach meiner Rückkehr nach Deutschland gerät die Reise für lange Zeit in den Hintergrund, nur widerwillig schreibe ich den erforderlichen Bericht. Doch immer wieder merke ich, wie sehr ich von der Reise profitierte und wie sich mich geprägt hat. Ausgedehnte Reisen nach Bosnien, Serbien und Montenegro zum selben Thema folgen, im Abitur ist „Die Rolle der Frau im Sozialismus und Postsozialismus am Beispiel Ungarn“ mein fünftes Prüfungsfach. Auch danach zieht es mich gen Osten: Ich arbeite in einem Kindergarten mit behinderten Kindern in Russland.

Mut für Neues, Neugierde auf das Fremde, Vertrauen in sich selbst – die zis-Reise hat mir viel gegeben. Meine Gedanken schweifen weiterhin in die Ferne, erinnern sich an das erhebende Gefühl, morgens im Zelt auf einer saftigen Wiese aufzuwachen, die ersten Sonnenstrahlen spüren und zu wissen, dass man den gesamten Tag noch vor sich hat. Als logische Schlussfolgerung aus Reise- und Entdeckerlust sowie dem Interesse an fremden Kulturen und Gesellschaftstheorien studiere ich nun Ethnologie. Wohin mich meine Wege führen werden? Vieles steht mir offen und fast alles, was auf den ersten Blick unüberwindlich scheint, kann bezwungen werden. Auch das nahm ich mit, als ich nach vier Wochen in Österreich, der Slowakei und Ungarn an meinem heimischen Bahnhof mein Fahrrad aus dem Zug schob. 


Schlagworte

Geschichte Frauen

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