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Berberleben zwischen Tradition und Moderne

Alexandra Singpiel - Marokko2008


Es regnet. Ich sitze an Deck eines großen Fährschiffes und verlasse den Hafen von Algeciras, Spanien. Nächste Anlegestelle: Tanger, Marokko. Nach 43 Stunden Busfahrt quer durch Frankreich und Spanien bin ich nun also fast da. Hier werde ich die nächsten vier Wochen alleine und auf mich gestellt unterwegs sein. Von Tanger liegen noch zehn Stunden Zugfahrt bei nahezu unerträglicher Hitze vor mir, ehe ich Marrakech, die heimlichen Hauptstadt Marokkos, erreiche.

Doch schon auf dieser Zugfahrt werde ich von der Freundlichkeit und Herzlichkeit der Menschen überwältigt und bin hingerissen von der Landschaft und den Bildern, die am Fenster vorüberziehen. Ich hatte mich aufgemacht, um ein mir bis dahin fremdes und unbekanntes Leben kennen zu lernen; ich wollte herausfinden, wie sich ein Berberleben von meinem Leben unterscheidet und was sich bei ihnen in den letzten Jahren verändert hat – oder eben auch nicht. Ich hatte nicht viele Vorstellungen vom Leben dort, und wahrscheinlich war dies gut so: Ich konnte mir ein eigenes Bild machen. Die Menschen, denen ich begegne, sind offen und freundlich, nichts von Misstrauen in ihren Blicken. Selbst wenn ich sie oft nicht verstehe, geben sie mir das Gefühl, willkommener Gast zu sein. Schnell merken sie mir an, dass an mir kein Geld zu verdienen ist – und so können sich bald ernsthafte Gespräche entwickeln.

Von Marrakesch aus geht es nochmals 15 Stunden weiter mit dem Bus, bis an den Rand der Sahara, nach Hassi Labied. Hier bin ich bei Souad (24 Jahre), bzw. in ihrem Elternhaus untergebracht. Ihre Mutter, die von allen nur liebevoll „Omachen“ genannt wird, ist eine stolze und erhabene Frau. Sie hat sieben Kinder groß gezogen – doch an Rente und Altersruhe ist nicht zu denken. Sie muss weiterhin jeden Tag in der Küche stehen, putzen und waschen. Souad, ihre jüngste Tochter, hilft ihr, da sie nicht heiraten möchte und lieber bei ihren Eltern bleibt.

Auch wenn es inzwischen Schulpflicht gibt und viele Mädchen eine Grundausbildung erhalten – im Haushalt sind sie unabdingbar und vor allem in den Erntemonaten in den Bergen behalten es sich die Eltern oftmals vor, ihre Töchter im Haushalt einzusetzen. In „meiner“ Familie ist es normal, dass die Mädchen und Jungen die gleichen Rechte auf Bildung besitzen, doch nicht jede Tochter will dies, und so wie Souad entschied sich auch Insah (22), daheim zu bleiben und auf einen Mann zu warten. Ihre jüngere Schwester Hadija (18) hingegen möchte Jura oder Arabisch studieren. Bei den Berbern der Sahara ist Klimawandel und Umweltschutz kein so großes Thema wie bei uns, und doch werden auch hier Versuche unternommen, dem Vordringen der Wüste Einhalt zu gebieten. So wurden Zäune aus Palmblättern aufgestellt, an denen sich ein Teil des Saharasandes verfängt, und immer wieder gibt es Aktionen zum Sauberhalten des Bewässerungsgrabens im Palmengarten.

AlexandraAuf der Weiterreise in den Hohen Atlas verbringe ich eine Nacht in der Stadt Rissani, bei Verwandten von Souad. Auch wenn mein Aufenthalt nur von kurzer Dauer ist, so erlebe und sehe ich doch allerhand. Das Stadtleben ist in vielem ländlich geprägt, das Haupttransportmittel immer noch der Eselkarren, gekocht und gebacken wird auf dem Boden und die Wohnungen sind traditionell spärlich eingerichtet. Als ich am nächsten Abend nach langer Fahrt mit Bus und Posttaxi in Imilchil, meiner letzten Station ankomme, wird mir bewusst, wie unterschiedlich die Lebensbereiche der Berber sind. Waren in der Wüste die ersten Worte, die man mir beibrachte, solche wie „Düne“, „Kamel“ oder „Dattel“; so sind es hier „Regen“, „Feld“ und „Esel“. Da es nur morgens fließendes Wasser gibt, werden vormittags Dinge wie Wäsche waschen und putzen erledigt. Die Feldarbeit wird auf nachmittags verschoben.

Ein knappes Jahr später kehre ich zurück. In den Monaten nach meiner Marokkoreise haben mich immer wieder Fernweh und Sehnsucht gepackt, und ich wusste, dass ich zurückkommen würde, um den Menschen dort zu zeigen, dass sie in meinem Leben Spuren hinterlassen haben. Ein Jahr lang, in dem wir keinen Kontakt hatten, in denen sich bei mir mit dem Abitur vieles veränderte – und bei ihnen? Wenig, wie ich vermutete, und doch so einiges, wie ich bemerkte. Doch dieses eine Jahr ist wie ein nichts, als wir uns um den Hals fallen und wieder Seite an Seite unter dem Sternenhimmel einschlafen.


Schlagworte

Gesellschaft

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