Judith Nickel

Finnisch-russische Beziehungen

(Finnland, Russland, 2009)

Judith Nickel war wochenlang in einen ganz besonderen Grenzgebiet unterwegs: in Karelien, zwischen Russland und Finnland. Hier berührten sich Demokratie und Sozialismus, Osten und Westen. Und es gibt bis heute, nicht zuletzt durch gemeinsame sprachliche Geschichte und kriegerische Ereignisse Gemeinsames ebenso wie Trennendes.

Eine Reise an der Grenze zwischen Russland und FinnlandWenn ich nach nun schon über einem Jahr auf meine zis-Reise nach Finnland zurückblicke, fühle ich mich plötzlich wieder so, als wäre ich gerade erst wieder zurückgekehrt, und alles, was seither war, verschwindet plötzlich auf eine seltsame Weise. Nicht, dass ich seit dieser Reise nichts Spannendes oder Eindrückliches mehr erlebt hätte – doch diese Reise war etwas, das ich kaum mit etwas anderem vergleichen kann.

Kurz nachdem ich die Schule beendet hatte, machte ich mich mit dem Thema „Finnisch-russische Beziehungen“ auf die Reise in den Osten von Finnland. Ich hatte bei der Wahl meines Themas gelesen, dass es nach der problematischen gemeinsamen Geschichte immer noch tief sitzende Vorurteile gab, und wollte nun der Sache auf den Grund gehen. 

Das Erschreckendste, was ich schließlich lernte, war, wie sorgfältig Feindlichkeit gepflegt werden kann – und das meist ohne jeden zumindest nachvollziehbaren Grund. Menschen, die sagten, sie könnten Russen nicht leiden, bezogen sich immer noch auf die finnisch-russischen Kriege und ihre Folgen – dabei hatten sie selbst diese Kriege überhaupt nicht mehr erlebt. Doch ich sah auch, wie Menschen aus beiden Ländern zusammenarbeiteten, sich gegenseitig halfen und sich über ihre Kulturen austauschten. Aus all dem wurde ein hässliches und schönes Bild zugleich, und ich kann heute nicht sagen, wie die Zukunft der Beziehungen zwischen Finnen und Russen aussehen wird. Doch die meisten Jugendlichen, die ich getroffen habe, sagten: Es ist jetzt eine neue Generation entstanden, die sich nicht mehr an der Vergangenheit aufreibt.

Eine Begegnung, die mich besonders nachdenklich machte, war folgende: Ich saß zum Essen auf einer Parkbank; das vollbepackte Rad stand daneben. Da kam ein Mann vorbei , zeigte belustigt auf das Rad und fragte, woher ich mit diesem Ding gekommen sei. Ich erzählte, woher ich war und was für eine Reise ich machte. Als ich ihn jedoch bat, zu erzählen, was er zu meinem Thema zu sagen habe, befiel ihn eine seltsame Unruhe. Er sagte, er sei nicht der Richtige für eine solche Frage, er möge nämlich keine Russen, nein, er möge überhaupt keine Ausländer. Plötzlich hatte er es furchtbar eilig, zeigte zur Straße, wo jemand auf ihn wartete, und war weg.

Die Reise hat mich aber auch wunderschöne Momente erleben lassen. Ich erinnere mich an das Ächzen meines alten Fahrrads unter seiner ungewohnten Last, die Erbeerpflücker aus Osteuropa, die in den Pausen wie eine große Familie zusammensaßen und lachten, die Frau, die mich an der Kreuzung aufgabelte und spontan zu sich nach Hause einlud, das große runde Haferbrot, von dem ich mich einmal drei Tage lang ernährte, die hüpfende Kuh auf der Milchpackung, das Zelten im Wald und die unermüdlichen Mücken; an die gerade Straße von einer finnischen Stadt zur russischen Grenze mit den großen Lastwägen, die einem den Staub in die Augen wirbeln, und dem toten Hasen und dem Schuh im Straßengraben; an die Erd-, Blau-, und Himbeerstände überall, die finnische Sprache, die gleichzeitig so weich und so energisch ist – und an das seltsame Gefühl der Heimreise, als ich abends am Hafen in Helsinki stand, auf das Schiff wartete und mit einem Löffel aus einer Müslipackung aß.

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