Alexander von Kulessa

Deutsch-jüdische Migration nach Großbritannien

(Großbritannien, 2009)

Alexander von Kulessa wurde geprägt durch die Geschichte seines Heimatortes Breisach, in dem einst eine große jüdische Gemeinde lebte. Mit zis macht er sich auf den Weg, um sich in Großbritannien mit dem Thema der deutsch-jüdischen Migration auseinanderzusetzen. Mit viel Einfühlungsvermögen gewinnt er Vertrauen und kann an den Erinnerungen dieser Menschen teilhaben.

Unterwegs nach GroßbritannienAm Le Camp des Milles in Aix-en-Provence. Unter dem Naziregime und unter Vichy war dieser Ort das größte Konzentrationslager im Süd-Osten Frankreichs. Auch hier in Aix, wo ich jetzt studiere, lässt mich das Thema Holocaust nicht los. Im Juni 2009 war ich dank zis aufgebrochen, den Spuren der deutsch-jüdischen Migranten nach England zu folgen. Ein Jahr später scheint es mir als wäre meine Reise erst gestern gewesen.

Ich laufe durch Finchley, einem ruhigen Wohnviertel im Norden Londons, auf der Suche nach dem Haus meiner Gastgeberin. Ich weiß von ihr nur, dass sie eine Holocaust-Überlebende ist. Ich bin etwas verunsichert. Wie wird diese Begegnung verlaufen? Wird sie mein Interesse an ihrer Geschichte verstehen? Wird sie bereit sein, mit mir offen über das zu sprechen, was sie erlebt und erlitten hatte? Plötzlich habe ich das richtige Haus gefunden. Ich gebe mir einen Ruck und klingle. Fast im selben Augenblick öffnet sich die Tür und eine ältere, sehr freundlich aussehende Dame heißt mich herzlich willkommen. Meine Ängste sind unbegründet. Direkt nach meiner Ankunft erzählt sie mir, während wir gemeinsam das Abendessen zubereiten, ihre ganze Geschichte. Ihre Familie stammt ursprünglich aus Offenburg. Nach der Reichsprogromnacht wurde die gesamte Familie, bis auf den Vater der schon nach England ausgesiedelt war, nach Gurs, einem Internierungslager in den Pyrenäen, gebracht. Meine Gastgeberin, Eva, konnte flüchten und kam dann in einem Waisenhaus in der Schweiz unter. Nach Ende des Krieges konnte sie nach England reisen. Ihre Mutter starb in Ausschwitz. Sie zeigt mir Bilder, die sie über ihre Kindheitserinnerungen gemalt hat und gibt mir Gedichte, die ihre Mutter in Gurs geschrieben hat, zu lesen. Am nächsten Abend nimmt sie mich mit in die Synagoge. Etwas erstaunt mich besonders. Eva spricht mit mir meistens auf Deutsch und das mit einem leicht südbadischen Akzent, dem Akzent ihrer und auch meiner Kindheit.

Denkmal für die jüdischen KindertransporteEs ist schwer begreiflich wie wichtig eine Sprache ist. Ich bin während meiner Reise deutsch-jüdischen Migranten begegnet, die selbst im hohen Alter, obwohl sie als Kind nach England gekommen waren, Englisch mit deutschem Akzent sprachen. Andere hatten über all diese Jahre hinweg den Dialekt ihrer deutschen Heimatregion bewahrt. Mir wurde klar, dass Sprache mehr als ein einfaches Kommunikationsmittel ist. Sie prägt uns und ist gleichzeitig Ausdruck unserer Identität. Für viele Migranten, die aus Deutschland flüchten mussten, stellte die deutsche Sprache eine letzte Verbindung zur verlorenen Kindheit dar.

Eine Kindheit, die für viele Überlebende des Holocausts viel zu früh endete. Ich bin auf meiner Reise einem Mann begegnet, der mit den Kindertransporten nach Großbritannien gekommen war. Durch das Refugee Children Movement wurden rund 10 000 jüdische Kinder aus Deutschland, Österreich und Polen gerettet. Mit zwölf Jahren sah er auf dem Bahnhof von Offenburg seine Eltern zum letzten Mal. In England wurde er in einer christlichen Familie untergebracht. Heute fühlt er sich als Engländer. Ich durfte bei Robert wohnen, der in den USA aufgewachsen ist und dessen Vater ursprünglich aus meinem Heimatort stammte. Der Vater musste als junger Mann aus Deutschland fliehen. Ich habe Gedichte und Briefe gelesen die von Angehörigen der Überlebenden in den Konzentrationslagern geschrieben wurden. Und ich habe Stunden in der Wiener Library, dem ältesten Dokumentationszentrum über den Holocaust, verbracht. 

All diese Schicksale haben mich immer wieder fasziniert und berührt. Und ich glaube, dass auch meine Gesprächspartner berührt waren. Für viele war es eines der seltenen Male, dass jemand ihnen zuhört und Interesse zeigt für einen Teil der menschlichen Geschichte, den viele am liebsten vergessen würden. Die Offenheit der Holocaust-Überlebenden, ihre Geschichte mit mir, einem nichtjüdischen Deutschen, zu teilen, hat mich immer wieder erstaunt. Auch werde ich nie die Gastfreundschaft vergessen mit der ich empfangen wurde.

Es war der Begriff des Vergessens und die Frage nach der Schuld die mich bewogen hatten, diese Reise zu unternehmen. Sind wir Deutsche nach 65 Jahren noch schuldig an den unbeschreibbaren Verbrechen des Dritten Reichs? Diese Frage hatte mich dazu bewogen die Begegnung mit Opfern des Holocaust zu suchen. Ich muss gestehen, dass ich auch nach meiner Reise keine endgültige Antwort gefunden habe. Allerdings ist mir bewusst geworden, dass ich Verantwortung trage dafür, dass eine neue Shoa unterbleibt. Diese Verantwortung ist eng verknüpft mit der Frage nach der guten Ordnung eines Staates. Vielleicht ist das einer der Gründe, warum ich mich dazu entschieden habe, Politikwissenschaften zu studieren.

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