Birga Bohn

Musik in Irland – traditionelle Musikinstrumente und ihre Herstellung

(Irland, 2009)

Birga Bohn ist gerade einmal 16 Jahre alt, als sie auf zis-Reise aufbricht. Nach Aufenthalten in Dublin, Belfast, Cork und Drogheda, wo Birga in Musikläden recherchiert, erhält sie in Galway die Möglichkeit, in der Werkstatt eines überregional bekannten Instrumentenbauers mitzuarbeiten. Dabei packt sie tatkräftig mit an und baut sich unter seiner Anleitung eine irische Harfe.

Beim Bau einer Harfe

Wo soll ich bei diesem Berg an Erinnerungen bloß anfangen? Irgendwo. Am besten dort: Es geht bei meiner zis-Reise um eine Ich-Erfahrung von besonderem Maße.

Es mag übertrieben klingen, aber gewiss nur für den, der die Erfahrung selbst nicht machen durfte: eine zis-Reise bedeutet, wenn sie ihr Ziel erreicht, eine grundlegende Veränderung der Sichtweise auf Welt und Leben. Ich habe gelernt, unmögliche Dinge ermöglicht zu sehen. Ich habe gelernt, ohne es zu merken, Grenzen zu überschreiten, die sonst als hohe Mauer vor mir emporragten. Und habe festgestellt: Es gibt diese Menschen, die man sich erhofft, aber nicht gänzlich vorstellen kann. Das habe ich mitgebracht von dieser Reise allein in ein fremdes Land ohne klare Richtung und sicheren Plan

Ich hatte Irland nie zuvor betreten. Auch kannte ich kaum jemanden, der mir viel über das Land zu erzählen wusste. Also war mein Wissen um die irische Kultur und Landschaft sehr begrenzt. Dennoch war der Wunsch, dorthin zu reisen, tief in mir verwurzelt, ohne dass ich diesen genauer erklären konnte. Was ich aber über Musik und Kunst wusste, hatte mich stark und geheimnisvoll in seinen Bann gezogen.

Ich hatte die Vorahnung, hinter den Künsten müsse ein großer, unentdeckter Schatz stecken. Meine ersten Versuche, mit Musikern Kontakt aufzunehmen, um sie bei ihrer Probearbeit oder bei Konzerten zu begleiten, erwiesen sich aber als völlig erfolglos. Also etwas Orts- und Personengebundenes. Alle recherchierbaren Instrumentenbauer traditioneller Instrumente habe ich angeschrieben und gefragt, ob sie mich nicht ein wenig in ihr Schaffenswerk Einblick gewähren ließen. Genau eine positive Antwort erreichte mich von vermutlich zehn Gefragten.

Aus der Zusammenarbeit mit und dem Lernen von Paul Doyle und seinem „Team“ während meiner zwei Wochen in Galway am Ende meiner zis-Reise hat sich eine besondere Freundschaft und Verbundenheit entwickelt, die völlig unerwartet kam und wohl eher ungewöhnlich ist. Hierbei ergab sich mir auch die einzigartige Gelegenheit, meine eigene kleine Keltische Harfe zu bauen, die ich in den überaus arbeitsintensiven letzten sechs Tagen fast fertig stellen konnte. Um die fehlenden Saiten anzubringen, und um die lang vermissten Menschen wiederzusehen, reiste ich 2010 erneut nach Galway, auf dieselbe Art wie ein Jahr zuvor unter zis-Bedingungen – mit jeweils eineinhalbtägiger Bahn-, Schiff- und Busfahrt. Denn damals hatte ich festgestellt, wie sinnvoll es ist, sich auf dem Hin- und Rückweg Zeit zu lassen. Als ich die feinen Saiten zum ersten Mal anzupfte, konnte ich es gar nicht fassen: Ich hatte ein eigenes Instrument erschaffen!

In den ersten zwei Wochen der zis-Reise konnte ich viele andere Orte Irlands entdecken, darunter Dublin, den Süden um Cork, Nordirland um Belfast und Drogheda. Dort wollte ich etwas über den Instrumentenhandel herausfinden, wobei ich zu dem Schluss kam, dass man kaum handgefertigte traditionelle Instrumente in Musikläden erwerben kann. Auch hier wurde mir das Herumkommen im Land nur dadurch ermöglicht, dass ich in Dublin bei einem Studenten unterkam, der mich bei meinen Recherchen sehr unterstützte. Immer, wenn er irgendwo hinfuhr, bot er mir an, mich mitzunehmen. Diese so tiefgreifend positive Erfahrung des Vertrauenkönnens am Anfang meiner Zeit in Irland machte mir den Abschied umso schwerer, zumal ich das Gefühl hatte, gar nicht genug danke gesagt zu haben.

Die zuvor unverständliche Anziehungskraft Irlands erklärte sich mir schließlich auch, als ich einmal allein am Meer einer Erfahrung ausgesetzt war, die mich spüren ließ, dass ich dort zu Hause war. Ich fühlte mich wie wieder an einem altbekannten, lange vergessenen Ort angekommen. Genau dieses Gefühl ist bis heute bestehen geblieben, wenn ich an den Geist der Insel denke, den ich weit in mir aufgenommen habe. Es gibt einen Ort, an den ich zurückkehren kann mit der Gewissheit, aufgenommen zu werden.

Auf diesen Weg der Eröffnung von Lebensperspektiven hat mich zis geleitet.

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