Sophia Kochalski

Jüdisches Leben in Prag

(Tschechien, 2005)

Sophia Kochalski leistet ihren persönlichen Teil zur Völkerverständigung, als sie sich auf ihre vierwöchige Reise in die jüdische Gemeinde nach Prag aufmacht. Sie macht mit Vorurteilen und Halbwahrheiten Schluss und lernt herzliche Menschen und eine interessante, alte aber trotzdem lebendige Religion kennen.

Prag von obenDie Idee einer zis-Reise begeisterte mich ursprünglich, weil sie für mich zwischen Abitur und Studienbeginn einen Ausbruch aus dem Alltäglichen darstellte. Weniger romantisch gesagt: einen Sprung ins kalte Wasser (mit zis als Rettungsleine). Und natürlich musste dabei auch Einiges schief gehen. Ich klopfte an meinem ersten Tag am jüdischen Rathaus in Prag an und nach der Kontrolle durch die Sicherheitsbeamten stellte sich heraus, dass die Sekretärin im Urlaub war und niemand von meinem vorher vereinbarten Termin mit dem politischen Oberhaupt der tschechischen Juden wusste. Wie später noch so oft, fügte sich dann alles wunderbar und ich durfte am nächsten Tag zum Gespräch wiederkommen. Soviel zum kalten Wasser. Seit zis weiß ich, dass ich im Zweifelsfall auch mutig sein kann, und staune im Nachhinein, dass ich jeden Tag so auf fremde Menschen zugehen konnte.

Meine stärkste Erinnerung an meine Prager Zeit im Sommer 2005 werden all die vielen interessanten Menschen bleiben, die sich spontan Zeit für mich genommen und mir weitergeholfen haben. Darunter waren Rabbiner und politisch engagierte Juden, junge Leute, Konvertiten, Orthodoxe, Liberale und alles zwischen beiden, Tschechen, Immigranten und Touristen, Atheisten und Koscherbeauftragte. Oft habe ich sehr persönliche Einblicke in Lebens- und Denkwelten erhalten, obwohl meinen Gesprächspartnern in der Regel wohl nur sehr nebulös klar war, wer ich denn nun war und was ich da eigentlich wollte. Ja, was wollte ich eigentlich? Mein Thema „Jüdisches Leben in Prag“ war aus der Erkenntnis entstanden, dass ich über das Judentum als praktizierte Religion und als Volksgemeinschaft viel zu wenig wusste. Eine bittere Wissenslücke, die ich in Prag begann zu füllen. Und was für ein Luxus (und das ist der wahre zis–Luxus) sich einmal vier Wochen Zeit nehmen zu können für ein Thema und sich völlig darauf zu konzentrieren!

Jüdisches Leben in PragDabei habe ich auch nach Antworten für mein eigenes Leben gesucht. Was bedeuten Glaube und Geschichte für mein Leben, wo ist Heimat, wohin gehört man, inwieweit definiert das meine Identität, kann man seine soziale Identität wählen? Die Höhepunkte auf dieser spirituellen Reise waren berührende (und viele) Stunden in der Synagoge, Sabbat-Feiern, eine Bar Mitzwah und die zunehmende Integration in die Prager Gemeinschaft. Oft sind es die kleinen Erfolgserlebnisse, die einem zeigen, dass man auf dem richtigen Weg ist: am Samstag in der Synagoge auf lauter Bekannte treffen, sofort freundlich von den Sicherheitsleuten durchgelassen zu werden oder bei den Gebeten mitzusingen (Hebräisch in tschechischer Lautschrift). Die komplexeren Fortschritte waren das langsame Verstehen der Beziehungsgeflechte und der unterschiedlichen Positionen zu Themen wie Israel, Konversion, Kleidervorschriften oder Heiligung des Sabbats. Dafür musste ich meine eigenen Vorstellungen oft über Bord werfen, denn welcher Vegetarier will die Bedeutung des Schächtens und welche emanzipierte junge Frau den Sinn eines abgetrennten Frauenalkovens verstehen? Ich habe mein Bestes getan, bin aber trotzdem bisweilen ins Fettnäpfchen getreten. Dankenswerterweise erwies sich Toleranz als oberstes Prinzip in der jüdischen Gemeinde.

Dass ich deutsch bin, schwang dabei fast immer mit, wenn ich gefragt wurde, ob ich denn auch das Ghetto Theresienstadt besichtigen würde, wohin die Mehrzahl der Prager Juden während des Dritten Reiches zuerst deportiert wurde. Ja, das würde ich, und mir erschien die Frage wie ein Code, mit dem ich mich zur deutschen Geschichte bekannte. Nach dieser Positionsbestimmung konnte das Gespräch dann stets freundlich weitergehen. Nachdem ich schon so viel über das Judentum gelernt und viele wunderbare Menschen getroffen hatte, war der Besuch in Theresienstadt eine unfassbare Erfahrung und ich wäre an diesem Tag lieber nicht ganz allein gewesen. Zis ist auch Überforderung und Einsamkeit und trotzdem erstmal immer weitermachen. Ich war neunzehn und dachte, ich könnte alle Antworten finden. Nach meiner Rückkehr war die zis-Reise für mich lange kein Ausbruch aus dem Alltag, sondern der mögliche Beginn einer Antwortsuche. Zwei Jahre später habe ich Auschwitz besucht und musste feststellen, dass es für den tödlichen Wahnsinn des Holocausts keine Erklärung gibt.

Eine Antwort habe ich zumindest gefunden. Eine tschechische Jüdin hatte mich gefragt, was es für einen Grund gibt, dass es nach Jahrtausenden der Verfolgung von Juden und Slawen nicht zu einem erneuten Holocaust in Deutschland kommen könnte. Ich kann es ihr nicht mehr sagen, aber ich bin ein Grund. Und mit mir 50 andere zis-Stipendiaten die sich jedes Jahr zu neuen Ufern wagen und sich in Toleranz und Völkerverständigung üben. 

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