Fabian Schöneck

Emigration als Selbstverständlichkeit - die Einwohner des Val di Zoldo

(Italien, 2008)

Fabian Schöneck im Val di ZoldoMeine Reise mit dem Thema „Emigration als Selbstverständlichkeit“ führte mich im Juni 2008 in das geschichtsträchtige Val di Zoldo in den Dolomiten. Aus dem Tal, das etwa 4500 Bewohner beheimatet, stammen etliche der Eisdielengründer in Deutschland. Diese Tatsache, auf die ich vor meiner Reise durch einen Fernsehbericht gestoßen war, machte die beschaulich anmutende Urlaubsregion für mich zu einem spannenden Reiseziel.

Erwartungsvoll, aber auch etwas unsicher brach ich unmittelbar nach der Abiturnotenverkündung auf, um mich dem Abenteuer zis-Reise zu stellen. Nachdem ich mich drei Tage lang unter der Last eines 30 Kilogramm schweren Rucksacks mit meinem Fahrrad über einige Dolomitengipfel gekämpft hatte, wurde ich im Tal von einem harschen Rückschlag begrüßt. Meine eingeplante Unterkunft für die ersten Tage war überraschend ausgefallen. Meine kleine Campingausrüstung musste nach der Anreise also auch am Zielort zunächst für warme Nächte und den bitternötigen Regenschutz herhalten. Im wahrsten Sinne des Wortes überschattet wurde mein Italienaufenthalt nämlich durch das Wetter: An 26 von 29 Tagen gab es Niederschlag.

Umso erbauender die Begegnungen mit den Talbewohnern. Bei meinen zahlreichen Recherchegesprächen gewann ich mehr als bloße Informationen. In lebhafter Erinnerung ist mir noch, wie ich das erste Mal zum Essen eingeladen wurde: Bei meinem ersten Treffen mit Angelo, dem Arzt im Val di Zoldo, fuhren wir zur Touristeninformation, um dort eine „Dolmetscherin“ zu treffen. So lernte ich Federica kennen, die als Tochter von Gelatieri sehr gut Deutsch spricht. Nachdem ich ihr von meinem Projekt erzählt hatte, lud sie mich spontan zum Essen zu ihren Eltern ein, damit ich ihren Vater interviewen konnte. Das Essen war  fantastisch und die offene, freundliche Art der Familie war für mich überwältigend.

Von diesem Zeitpunkt an ging es stetig bergauf. Im Verlauf meiner Reise wurde mir aller Komfort geboten, den ich mir wünschen konnte. Ich wohnte bei Leuten im Tal, wurde häufig zum Essen eingeladen und durfte sogar Angelos Zweitwagen benutzen. Außerdem lernte ich immer mehr Zoldani kennen und hatte schon nach kurzer Zeit so viel über die Eismacher erfahren, dass ich mein Thema auf die gesamte Emigrationsgeschichte des Tals ausweitete.

Mit seinen GastgebernSchon seit dem 17. Jahrhundert trieb mangelnde Beschäftigung und das daher fehlende Einkommen viele Talbewohner saisonweise in die Städte. Zu den verschiedenen Erwerbsmöglichkeiten dort kam Mitte des 19. Jahrhunderts der mobile Verkauf von Gebäck und anderem Naschwerk in den Wintermonaten. Einige Zoldani arbeiteten in den folgenden Jahren bei Konditoren in Österreich und lernten dort unter anderem die Kunst des Eismachens. Mit diesem Wissen machten sie sich wieder selbstständig und verkauften im Sommer vom Eiswagen aus das begehrte Gelato . Damit war bereits der Anstoß für die im 20. Jahrhundert beginnende Welle der „Eisemigration“ geschaffen. Aufgrund eines neuen Gesetzes in Österreich mussten die Gelatieri ihre Ware von festen Standorten aus verkaufen. Nachdem zunächst nur die Räder des Eiswagens abgeschraubt wurden, eröffnete man bald die ersten Eisdielen. Von Österreich verschlug es einige Gelatieri über weitere Landesgrenzen unter anderem nach Deutschland, wo das süße Gut besonders großen Anklang fand. Durch die zwei Weltkriege war die Verbreitung spürbar eingedämmt, doch in den 50er und 60er Jahren erreichte die Eisdielen-Gründungswelle dann ihren Höhepunkt. Oft stellten die Gelatieri Freunde und Verwandte in ihren Lokalen ein, die dann etwas später selbst eine Eisdiele einige Kilometer weiter eröffneten. So wurden weit über die Hälfte der Eisdielen in Deutschland in den 70er Jahren von Zoldani geführt.

Neben dem Wohlstand, den das Geschäft ins Tal gebracht hat, hat die Saisonemigration auch ihre Kehrseiten. Besonders für die Kinder ist es nicht leicht, über die Hälfte des Jahres auf ihre Eltern zu verzichten, während diese in Deutschland Eis verkaufen. Dies ist ein Grund, weshalb mittlerweile nur noch wenige junge Zoldani das Geschäft ihrer Eltern weiterführen.

Mit vielen Informationen und einem riesigen Erfahrungsgewinn im Gepäck begab ich mich nach meiner Zeit im Tal teils freudig, teils wehmütig auf die Heimreise. Mittlerweile ist über ein Jahr seitdem vergangen, doch die Erinnerung schillert noch in allen Farben.

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